Die Benediktusregel
Im Zentrum unseres Lebens als Benediktinerinnen steht die Liebe Gottes; die beständige Ausrichtung auf Seine Nähe gibt uns Tiefe, Sinn und Kraft. Daher ist der Kern unseres Alltags, Ihn zu suchen und zu finden, ob im Gebet, bei der Arbeit oder in der Gemeinschaft. Auf dem Weg dorthin, entlang all der lebensweltlichen Entscheidungen und Herausforderungen, schenkt uns zum einen das Evangelium*, zum anderen die Benediktusregel Halt und Wegweisung.
Die Benediktusregel, von dem gleichnamigen Mönch im 6. Jahrhundert verfasst, ist mehr als eine Sammlung von Vorschriften: Sie bildet das Herzstück unseres klösterlichen Lebens. Denn die 73 Kapitel erklären, wie wir in der Gemeinschaft Christus nachfolgen können, indem die Erörterungen unseren Tag ordnen, die Spiritualität fördern und eine Balance zwischen Gebet, Arbeit und Erholung schaffen. So ist die tiefgründige Anleitung des Benedikt von Nursia ein – alle Zeiten überdauernder – Wegweiser.
Eine Weisung zum Leben
Das über 100 Seiten starke Werk Benedikts, das nach seinem Erscheinen im gesamten Abendland als Mönchsregel definiert wurde, betrachtet das Kloster als eine „Schule für den Dienst des Herrn“ (Prolog, Vers 45). Es lehrt uns Schwestern, Gott zu suchen, um im Einklang mit Seinem Willen zu leben. Auf dem Weg dahin erfahren wir Wachstum in der Liebe zu Christus und dem Nächsten – jedoch ohne den Anspruch der Perfektion:
Der heilige Benedikt formuliert Ideale, jedoch macht er sie nicht zum alleinigen Maßstab des Handelns: Seine Sichtweise wird häufig als Weisheit des rechten Maßes beschrieben, der Grundtenor seines Werkes ist menschlich. Somit gibt uns das Regelwerk einen offenen Raum, uns authentisch und ausgewogen mit unseren Fähigkeiten und Bedürfnissen in die Gemeinschaft einzubringen. Weil die bei jedem Menschen unterschiedlich sind, war es dem Mönch wichtig, dass jeder in seinen Möglichkeiten individuell gesehen wird.
Ein bedeutender Bestandteil der Regel ist das Hören, auf das der Klostergründer schon im Prolog einstimmt: „Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters“. Daher ist das Wahrnehmen von Gottes Stimme, ob im Gebet, mit der Heiligen Schrift oder im Miteinander ein aktiver Prozess.
Getragen wird unser monastisches Leben von drei Säulen, die im 58. Kapitel beschrieben werden: die benediktinischen Gelübde, die nach der dreijährigen Kloster-Probezeit, dem Noviziat, vor der Gemeinschaft ablegt werden.
Oboedientia, stabilitas und conversatio morum
Ein Pfeiler unseres Lebens ist der benediktinische Gehorsam (oboedientia). Er ist, anders als im nichtklösterlichen Kontext, ein Ausdruck tiefer Hingabe und Achtsamkeit, erfüllt von Eigenverantwortung. Denn wir hören mit offenem Herzen – auch, indem wir unser individuelles Ich zurückstellen – auf die Stimme Gottes: in der Heiligen Schrift, in der Regel Benedikts, in unserer Gemeinschaft und bei all dem, was das tägliche Leben uns gibt.
Des Weiteren stützt uns das Gelübde der Beständigkeit (stabilitas). In unserem Orden sind keine Versetzungen oder Klosterwechsel vorgesehen, da wir nicht nur in unserem Glauben, sondern auch mit dem Klosterort und unserer Gemeinschaft verwurzelt sind. So können wir zum einen tief auf Gottes Gegenwart sowie unserer Berufung vertrauen. Und uns zum anderen zuversichtlich weiterentwickeln, denn Sein Dasein ermöglicht uns eine wahre Veränderung und Heilung.
Das dritte Gelübde ist das Versprechen zum klösterlichen Lebenswandel (conversatio morum). Denn das Mönchsleben kräftigt uns, um fortwährend für Veränderungen offen zu sein. Auf diese Weise können wir die innere Umkehr geschehen lassen, um uns auf Gott auszurichten und von Seiner Liebe formen zu lassen.
Der benediktinische Ethos
Daher entspringen unsere Werte – die Einfachheit, die Schöpfungsverantwortung, die Geduld, die Barmherzigkeit, die Demut und die Gastfreundschaft – der Benediktusregel. Sie leiten unser Leben und schenken uns ein gemeinschaftlich-gottesnahes Dasein:
Durch den Verzicht auf persönlichen Besitz konzentrieren wir uns einerseits auf das Wesentliche, andererseits auf die Fülle des Lebens, die in kleinen, oft unscheinbaren Momenten wohnt. Die Verantwortung für die Schöpfung lässt uns sorgsam und nachhaltig mit ihren Ressourcen umgehen – und die Welt als ein Geschenk Gottes betrachten. Die Tugend der Geduld stärkt uns, in schwierigen Zeiten auszuharren und zuversichtlich auf Gottes Wirken zu vertrauen. Barmherzigkeit ermöglicht uns, den Bedürfnissen anderer mit Liebe und Mitgefühl zu begegnen – und bei Konflikten Brücken der Versöhnung zu bauen. Unser Wert der Demut erinnert uns stetig daran, unsere Grenzen anzuerkennen und Ihm Seinen Raum zu geben; Gastfreundschaft bedeutet für uns, jeden Menschen mit Respekt und Offenheit willkommen zu heißen.
So allumfassend prägt – auch nach 1.500 Jahren – die Benediktusregel unser Leben. Und unser Mittagessen: Wir nehmen traditionell die Hauptmahlzeit schweigend ein, während eine Schwester einen kleinen Abschnitt aus der Mönchsregel vorliest – auf dass sie unseren Alltag stetig fruchtbar macht.
* Das Evangelium (griechisch für "Gute Nachricht") beinhaltet zum einen die Botschaft Gottes, die durch Jesus Christus selbst verkündet wird. Zum anderen die Erzählungen von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, die sich mit dem Leben und Wirken Jesu auseinandersetzen.
